Fast jeder Schreibwettbewerb verlangt von dir eine Entscheidung: Reiche ich eine in sich abgeschlossene Kurzgeschichte ein oder präsentiere ich den fesselnden Anfang eines längeren Romans?
Die Wahl der Textlänge ist nicht nur eine formale Frage, sie ist eine strategische. Sie entscheidet darüber, ob dein Manuskript die Jury überzeugt. Wir helfen dir, das richtige Format für deine Geschichte und dein Ziel zu finden.
1. Die Kurzgeschichte: Die Kunst der Kürze
Die Kurzgeschichte ist das häufigste Format bei thematischen und allgemeinen Wettbewerben (oft bis zu 10.000 Zeichen). Ihr größter Vorteil ist gleichzeitig ihre größte Herausforderung: Sie muss vollständig sein.
| Vorteil | Nachteil | Wann ist sie die richtige Wahl? |
| Volle Kontrolle: Du lieferst ein abgeschlossenes, bewertbares Werk. | Keine Platzverschwendung: Jeder Satz muss sitzen; lange Expositionen sind verboten. | Bei Anthologie-Wettbewerben (Verlage wollen fertige, publizierbare Texte). Wenn dein Plot auf eine einzige, starke Pointe oder einen Moment der Erkenntnis zuläuft. |
| Geringer Aufwand: Ideal, um schnell auf eine dringende Wettbewerbsfrist zu reagieren. | Hoher Druck: Der Einstieg (der Hook) muss extrem stark sein, da die Jury nach wenigen Absätzen die Qualität beurteilt. | Wenn dein Schreibziel die Erstveröffentlichung in einem spezifischen Themenband ist. |
Tipp: Wenn du dich für die Kurzgeschichte entscheidest, eliminiere alle Handlungsstränge, die nicht innerhalb der vorgegebenen Zeichenzahl abgeschlossen werden können. Konzentriere dich auf einen Charakter und einen Konflikt.
2. Der Romananfang: Das Versprechen der Größe
Einige hochdotierte Preise, wie der Deutsche Buchpreis (indirekt über Verlage), bewerten Romananfänge oder fertige Manuskripte. Dein Ziel ist hier nicht der Abschluss, sondern die Demonstration von Potenzial.
| Vorteil | Nachteil | Wann ist er die richtige Wahl? |
| Tiefe & Weltbau: Du kannst die Komplexität deiner Fantasy-Welt oder die psychologische Tiefe deiner Figuren anreißen. | Hohe Erwartungen: Die Jury muss das Gefühl haben, dass der Rest des Buches die Qualität des Anfangs halten kann. | Wenn dein Ziel ein Agentenvertrag oder ein Verlagskontakt ist. Wenn du eine komplexe Idee hast, die mehr als 10.000 Zeichen zur Entfaltung braucht. |
| Story-Konflikt wird etabliert: Du zeigst, was auf dem Spiel steht, ohne es auflösen zu müssen. | Fühlt sich unvollständig an: Ein Romanausschnitt endet oft offen. Er muss sich wie ein starker Köder, nicht wie ein Torso anfühlen. | Bei Wettbewerben, die explizit Romanausschnitte oder Debüts suchen (z.B. der ehemalige Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur). |
Tipp: Wählst du den Romanausschnitt für deine Wettbewerbsteilnahme, stelle sicher, dass die gezeigte Szene einen eigenen, abgeschlossenen Spannungsbogen hat, auch wenn der Gesamtkonflikt offen bleibt. Der erste Eindruck zählt doppelt!
3. Die strategische Wahl: Wähle dein Ziel
Deine Entscheidung sollte sich immer an deinem Hauptziel orientieren:
- Willst du eine Publikation (Anthologie) und die Aufnahme in eine Autorengemeinschaft? Wähle die Kurzgeschichte.
- Suchst du eine professionelle Vertretung und den Start einer Karriere als Romanautor? Wähle den bestmöglichen Romanausschnitt.
Beide Formate sind anspruchsvolles Schreibhandwerk, aber sie verlangen unterschiedliche narrative Muskeln. Wähle weise, denn die Jury liest nur das, was du ihr gibst.


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